"Wir wurzeln alle im Alltage.
Seine Gewohnheiten machen für die
meisten schlechthin das Leben aus.
In diesem Alltag, den bloss der unbesonnene
Élegant des Geistes bespöttelt, liegt etwas
sehr Grosses ... liegt unsere Cultur."
Michael Haberlandt: Cultur im Alltag. Wien 1900.



Montag, 5. Dezember 2016

DRUCKSACHE NR. 54: Wild und schön: Der Krampus (Interview mit Alena Brunner und Mona Röhm)



(c) Alena Brunner: Krampuslauf Fuschl, 2014



Passend zum Krampus-Tag gibt es heute einen Literaturhinweis und ein Interview zu diesem Thema:
Am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien wurde 2013 ein Feldpraktikum zu den Salzburger Krampus-Bräuchen durchgeführt, kürzlich ist die Publikation dazu erschienen (nähere Infos dazu am Ende des Beitrags).
Alena Brunner und Mona Röhm, zwei der Projektmitarbeiterinnen und Autorinnen waren so freundlich, für diesen Blog einige Fragen zum Krampus-Projekt und zur Krampus-Figur zu beantworten, wofür ich mich sehr herzlich bedanke!


Wieso ein anthropologisches Forschungsprojekt zum Thema Krampus?

Die Kultur- und Sozialanthropologie hat sich in den letzten Jahrzehnten weg bewegt von ihrem Fokus auf außereuropäische Gesellschaften, hin zu einer Disziplin die sich auch dem „eigenen“ zuwendet.
Seit der Jahrtausendwende hat das Krampusbrauchtum einen bespiellosen Boom erfahren. Dadurch manifestiert sich das Phänomen Krampus in vielfältigsten Ausdrucksformen, was es als Forschungsthema besonders spannend macht. Es ist reich an Möglichkeiten zur Erforschung verschiedener Themenfelder wie unter anderem Ritual, Gemeinschaft, soziale Organisation und materielle Kultur.
Das Thema hat sich insbesondere für die verpflichtenden Feldpraktika im Masterprogram angeboten und wurde von den Studierenden sehr gut aufgenommen. Im Vergleich zu anderen Feldpraktika, wie auf Bali und in Marokko, war die geografischen Nähe zu Wien und die weniger häufig auftretenden sprachlichen Verständnisprobleme für die Studierenden ein Pluspunkt. Dadurch konnten sich die Studierenden im Feld sehr frei bewegen und im großen Umfang detailliertes, ethnografisches Material erarbeiten.






Welche Fragestellungen wurden dabei untersucht?

Der Sammelband basiert auf zwei Feldforschungen mit Studierendengruppen im Jahr 2011 und 2013. Dabei wurden unterschiedliche Forschungsschwerpunkte gesetzt. Die Feldforschung im Gasteinertal (2011) beschäftige sich z.B. mit Fragen der Gemeinschaftserhaltung durch den Krampusbrauch, Männlichkeitsbildern sowie mit der Rolle der Frauen innerhalb des männlich dominierten Brauchs. Die Forschung im Jahr 2013, verortet in Salzburg Stadt sowie den umliegenden Gemeinden, ging Fragestellungen nach, die sich insbesondere mit den Veränderungen und rezenten Erscheinungsformen des Phänomens Krampus, vom Hausbesuch über organisierte Schauläufe bis zur Krampusparty, beschäftigte. Innerhalb des entstandenen Sammelbands wird das Facettenreichtum des Krampus anschaulich dargestellt. Thematisch reicht dies von einer Auseinandersetzung mit Identitätsfragen, Globalisierung, Genderaspekten, Generationsfragen, Ritual und materielle Kultur.

Was macht einen Krampus aus?

Was wir heute sehen ist eine enorme Bandbreite des Krampusbrauchs. Das bezieht sich einerseits auf die Erscheinung des Krampus, andererseits auch auf die Performanz der KrampusakteurInnen sowie auf den Rahmen der Performance. Es ist uns somit nicht möglich eine starre Definition zum Krampus aufzustellen, vielmehr ist es genau die Wandelbarkeit und das Facettenreichtum was den Krampus spannend macht – für die Wissenschaft genauso wie für die ZuseherInnen bei großen Schauläufen.
Wie auch Seiser und Rest festhalten, ist die Figur des Krampus genau deswegen so faszinierend weil sie scheinbar gegensätzliche Themen beinhaltet: „Sie spricht die Verhältnisse zwischen Alt und Jung, Männern und Frauen, Natur und Kultur, Geschichte und Gegenwart, Kunst und Kitsch, Tradition und Moderne, Sexualität und Moral, Kommerz und Authentizität, Realität und Fiktion, Gewalt und Tod an“ (Rest/ Seiser 2016:86).

Kann ein Krampus aussehen wie er will oder hat er sich an bestimmte Regeln zu halten?

Auch in den Erscheinungsformen des Krampus ist eine große Vielfalt zu erkennen. Bestimmte Regeln gibt es hier zwar nicht, allerdings werden durch sozialen Druck Gestaltungsmerkmale des Krampus forciert. Hier gibt es zwischen den einzelnen Gruppen starke Abgrenzungsstrategien, die sich auch auf die Gestaltung der Masken und die Kostüme sowie auf die Schlagwerkzeuge und sonstige Accessoires beziehen. Des Weiteren gibt es auch regionale Unterschiede in der Gestaltung der Krampusmasken sowie besondere Auflagen von OrganisatorInnen von Krampusläufen. Diese Unterschiede und Auflagen stehen wiederum im Zusammenhang mit dem Verständnis des Brauches und welche MeinungsmacherInnen hier so zu sagen die Definitionsmacht über das richtige Aussehen des Krampus besitzen.

Ist der Krampus nur negativ konnotiert, oder lassen sich an dieser Figur auch positive Seiten entdecken?
Die Faszination des Krampus von Jung und Alt liegt eben in der Ambivalenz der Figur und dem Oszillieren zwischen Dichotomien wie Gut-Böse, Schön-Wild. Der Titel des Buches nährt genau davon – „Schön und Wild“ wurde aus einem Aufsatz über den Krampus von einem Volksschulkind entnommen: „Krampusse sind sehr, sehr, sehr, sehr wild und Krampusse sind sehr schön. Nur die Schellen sind sehr laut deswegen habe ich Angst. Meine kleine Schwester hat auch sehr viel Angst. Einmal hat ein Krampus mit und gejausnet“ (Aufsatz aus der 3. Klasse Volksschule; Dorfgastein 2011).



Was bedeuten Krampusbräuche heute?

Einen Satz den wir während unserer Feldforschung immer wieder gehört haben war „das Brauchtum lebt“ – es ist somit keines falls starr sondern wandelbar. Der Krampusbrauch ist nicht nur in der Anthropologie und dem Hollywoodkino angekommen, sondern mit dem Krampus-Boom auch verstärkt auf den Straßen und in den Wohnzimmern. Dadurch ergeben sich vermehrt Diskussionen um die Veränderung und die Herkunft des Brauchs, und die Frage was „brauchtumsgemäß“ ist. Für die AkteurInnen nimmt der Krampus eine gemeinschaftsbildende und -erhaltende Funktion ein, die mitunter mehrerer Generationen umfasst. Die „Brauchtumspflege“ durch Individuen und Kollektive umfasst somit auch die Frage der Nachwuchsförderung.
Durch die Bandbreite der Krampusperformances erschließen sich neue Spielfelder für den Brauch, wie in Salzburg auch verstärkt der Winter- und Adventstourismus, Einkaufhäuser und aufwendige Krampusparties.


Buch:

Der reich bebilderte Sammelband „Wild und Schön. Der Krampus im Salzburger Land“ (2016), herausgegeben von Matthäus Rest und Gertraud Seiser ist im LIT-Verlag erschienen.

Interviewpartnerinnen/Autorinnen:

Alena Brunner und Mona Röhm haben an der Universität Wien Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie waren Teil des Feldpraktikums 2013 in Salzburg Stadt und haben als Autorinnen am Sammelband „Wild und Schön“ mitgewirkt.
In ihrem Artikel „Zeig mir deine Maske und ich sag dir wer du bist“ geht Alena Brunner auf die Themenfelder Gruppenidentität, Abgrenzungsmechanismen und materielle Kultur ein. In einem weiteren Artikel des Sammelbandes (Brunner/Dick/Grubhofer) wird auf drei Krampuspassen eingegangen die in Salzburg als besonders traditionsreich angesehen werden – was unterscheidet die Vereine und was haben sie gemeinsam?
alena.brunner@univie.ac.at
Mona Röhm geht in ihrem Artikel „Nähe und Distanz zum Krampusfell“ auf die Methode der teilnehmenden Beobachtung ein. Dabei hinterfragt sie ihre Rolle als Forscherin in einem männlich dominierten Forschungsfeld und diskutiert die Aspekte Körper und Gemeinschaft. Darüberhinaus beschäftigt sie sich mit den Themengebieten Moral, Norm und Emotion.
mona.roehm@univie.ac.at


 

(c) Alena Brunner: Krampuslauf Fuschl, 2014


(c) Mona Röhm: Krampuslauf Hallein, 2013

Dienstag, 29. November 2016

ANSICHTSSACHE NR. 89: Der Fall Riccabona im Vorarlberg Museum - Ausstellung und Katalogbeitrag



Am 2. Dezember 2016 eröffnet im Vorarlberg Museum die Ausstellung "Der Fall Riccabona" - hier geht es zur Einladung zur Vernissage und hier gibt es nähere Informationen.
Der Ausstellungskatalog enthält einen Beitrag von mir mit folgendem Titel: "'Bitte lächeln Sie freundlich!' Die Familienfotos der Riccabonas und Perlhefters im fotohistorischen Kontext".


 

Samstag, 26. November 2016

FOTOSACHE NR. 73: Wiener Straßenbahnerinnen



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Die ersten Frauen, die vor 100 Jahren, im November 1916, von der Gemeinde Wien in den Straßenbahnfahrdienst aufgenommen wurden - der kriegsbedingte Männermangel und eine Genehmigung des Gemeinderats machten es möglich.


Donnerstag, 17. November 2016

TERMINSACHE NR. 112: Workshop "Produzieren/Konsumieren - Konduzieren/Prosumieren"



Am 25. November 2016 findet am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien folgender Workshop des Forschungsschwerpunktes "Wirtschaft und Gesellschaft aus historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive" statt:
"Produzieren/Konsumieren - Konduzieren/Prosumieren: Dichotomien, Verschlingungen, Zonen der Ununterscheidbarkeit"
Nähere Infos finden sich hier.

Ich selbst bin auf diesem Workshop mit einem Kommentar vertreten, und zwar zum Vortrag von Reinhild Kreis über "Selbstgemacht mit Hilfe. Halbfertigprodukte, Materialien, Werkzeuge und Haushaltsproduktion in der Werbung".


Samstag, 5. November 2016

IN EIGENER SACHE NR. 3: Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien



Foto: Quelle


Am 27. Oktober 2016 habe ich das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien erhalten - für meine langjährige wissenschaftliche, kuratorische und publizistische Tätigkeit im Bereich der Alltags- und Konsumkultur. Gleichzeitig wurde auch der Soziologe Christoph Reinprecht ausgezeichnet, er erhielt das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. Die sehr freundliche Laudatio hielt Stadtrat Michael Ludwig.

Näheres gibt es hier:

Samstag, 29. Oktober 2016

FOTOSACHE NR. 72: Geschmacksveredelung im Museum



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Eine Publikation des Kunsthistorikers und Museumsreformers Hans Tietze und ein Museumsbeispiel mit volksbildnerischem Anspruch.



Samstag, 1. Oktober 2016

FOTOSACHE NR. 71: Tellspiele in Altdorf



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: "Pathos für den Mythos", eine Aufnahme von den Tellspielen in Altdorf in der Schweiz von einer Aufführung im Jahr 1901 - der Regisseur Gustav Thiess stammte aus Wien, für Pathos sorgten die lokalen Laienschauspieler.


Samstag, 24. September 2016

DRUCKSACHE NR. 53: Helen Hessel über Mode



Heute im Extra der Wiener Zeitung: Ein Beitrag von mir über die deutsche Modejournalistin Helen Hessel-Grund, die in den 1920er und 1930er Jahren auf unkonventionelle und auch theoretisch reflektierte Art und Weise aus Paris über Mode und Alltagsleben berichtete. Berühmt geworden ist sie freilich vor allem als Filmfigur, nämlich als die von Jeanne Moreau verkörperte Catherine in François Truffauts Film Jules und Jim von 1962. 


Samstag, 27. August 2016

FOTOSACHE NR. 70: Sommerfrische in Velden



Heute im Extra der Wiener Zeitung in meiner Fotoglosse: Eine Albumseite mit Fotos aus dem Jahr 1929, aufgenommen in Velden am Wörthersee - dem Sommerfrischeort einer Wiener Familie.


Samstag, 30. Juli 2016

FOTOSACHE NR. 69: Abkühlung im Liesinger Bad



Heute geht es in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung unter dem Titel "Neue Körperkultur" um das Liesinger Bad, dazu gibt es eine Aufnahme aus den 1930er Jahren.



Samstag, 2. Juli 2016

FOTOSACHE NR. 68: Geschichte des Schnullers



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Ein Kinderfoto aus den 1960er Jahren und eine kleine Geschichte des Schnullers.

Susanne Breuss: Hygienische Bedenken (= Fotoglosse Schwarz & Weiß), in: Wiener Zeitung Extra, 2./3. Juli 2016, S. 39.



Samstag, 4. Juni 2016

FOTOSACHE NR. 67: Montafoner Frauentracht - Heimatfotografie aus den 1930er Jahren



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Eine Aufnahme aus den 1930er Jahren aus dem Kontext der Heimatfotografie - sie zeigt Frauen in Montafoner Tracht, bei der vor allem die Kopfbedeckung, das Mäßle, ins Auge sticht.



Samstag, 7. Mai 2016

FOTOSACHE NR. 66: Zeichnen gegen die Leere und Hoffnungslosigkeit



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Ein Foto aus den 1930er Jahren, aufgenommen in einer Malschule für Arbeitslose an einer Wiener Volkshochschule - Zeichnen gegen die Verzweiflung, Leere und Hoffnungslosigkeit.



Mittwoch, 4. Mai 2016

TERMINSACHE NR. 111: Dumme Dinge, schlaue Sachen? Die materiale Seite von Pflege und Care (CFP)



Vom 18. bis 20. Jänner 2017 findet in Heidelberg eine interdisziplinäre und internationale Tagung zum Thema "Dumme Dinge, schlaue Sachen? Die materiale Seite von Pflege und Care" statt. Hier gibt es den Call for Papers dazu.



Mittwoch, 27. April 2016

TERMINSACHE NR. 110: Stadtspaziergänge mit Martin Frey und Philipp Graf (Jane's Walk Vienna 2016)



Anlässlich des Jane’s Walk Vienna 2016 bieten Martin Frey und Philipp Graf zwei Stadtspaziergänge an:

Der erste Walk führt zu elf Traditionsunternehmen im 7. Bezirk, rund um die Neubaugasse:

Geschäfte mit Geschichte in Wien
Freitag, 6. Mai 2016, 15 Uhr (Dauer: ca. 2 Stunden)
Treffpunkt: Bonbons Neubaugasse: 1070 Wien, Neubaugasse 18
Alle Infos dazu: 

Der zweite Walk ist eine fotografische Erkundung Wiens, die in dieser Form 
bereits letztes Jahr zum Jane’s Walk durchgeführt wurde:

Wien unerwartet – Eine fotografische Erkundung
Samstag, 7. Mai 2016, 11 Uhr (Dauer: ca. 2,5 Stunden)
Treffpunkt: Ringturm: 1010 Wien, Schottenring 30
Alle Infos dazu:

Donnerstag, 14. April 2016

ANSICHTSSACHE NR. 88: Interview mit Birgit Johler zur Ausstellung "Freud's Dining Room" im Volkskundemuseum Wien



Truhe, datiert 1850, Freud Museum London
Foto: Alex Kubik, © ÖMV


 

Im Volkskundemuseum Wien ist noch bis 3. Juli 2016 die Ausstellung "Freud's Dining Room. Möbel bewegen Erinnerung" zu sehen. Nähere Infos hier.
Ich habe Birgit Johler, der Kuratorin der Ausstellung, einige Fragen zu diesem ungewöhnlichen Projekt gestellt - hier sind ihre Antworten, für die ich mich sehr herzlich bedanke:


Wie ist die Idee zu dieser Ausstellung entstanden?

Recht spontan – bei einem Besuch des Londoner Freud Museums und beim Gewahrwerden der bunten und ländlich-alpinen Möbel in Freud’s Dining Room.

Warum sind Freud's Möbel interessant, was können sie vermitteln?

Ihre „Objektbiografien“ erzählen von einer veränderten Beziehung Anna Freuds zu den Möbeln. Diese veränderte Beziehung hat mit der Erfahrung der Ausgrenzung, der Vertreibung, auch des Verlusts im Kontext des Nationalsozialismus zu tun.

Welche Rolle spielten "Bauernmöbel" für die Familie Freud?

Anna Freud und ihre Lebens- und Arbeitspartnerin Dorothy Burlingham kauften und nutzten „Bauernmöbel“ für ihr Anwesen am Rand von Wien. Das Anwesen in Hochrotherd war für sie zuerst Wochenendhaus und zusehends auch „Week-Middle-Haus“, wie sie es selbst nannten.

Warum war es ihnen wichtig, gerade diese Möbel mit in die Emigration zu nehmen?

Die Möbel standen in dem von beiden Frauen so geliebten Anwesen in Hochrotherd. Das Anwesen mussten sie 1938, nach dem „Anschluss“ zwangsweise verkaufen, es wurde „arisiert“. Die Möbel jedoch konnten eingepackt werden – Dorothy Burlingham berichtete einer Freundin darüber: „I packed with my things that furniture from Hochrotherd thinking it would be nice for Anna and I if we had the(m)“, schrieb sie im April 1938 an eine US-amerikanische Freundin.

Wie sind die Möbel nach England gekommen?

Sie wurden zuerst in die USA verschifft und erst nach dem Krieg, im Spätherbst 1946 oder 1947, nach Großbritannien geholt.

Die Möbel, um die es in dieser Ausstellung geht, sind abwesend, im Freud Museum London verblieben. Wieso hast Du Dich dazu entschlossen, in der Ausstellung keine Originale zu zeigen?

Auf Grund ihrer Geschichte, ihrer „Biografie“, die eng mit dem Nationalsozialismus in Österreich verknüpft ist und auf Grund der Beziehung Anna Freuds zu den Möbeln – sie hatte die Stücke gegen Ende ihres Lebens von ihrem Sommerhaus an der Ostküste Englands in ihr alltägliches städtisches Wohnumfeld geholt – war mir sehr bald klar, dass ich die Originale vor Ort, an ihrem von Anna Freud vorgesehenen Platz belassen wollte. Für mich war es stimmiger, nicht die Originale, sondern die Geschichte der Möbelstücke nach Österreich zu holen – und damit auch an Anna Freud und ihre Vertreibungsgeschichte zu erinnern.

Diese Ausstellung unterscheidet sich von "klassischen" musealen Präsentationsweisen. Was ist in der Ausstellung zu sehen, welcher Art sind die Exponate, wie unterscheiden sie sich von "Originalen"?

Die Ausstellung arbeitet mit „Ersatzobjekten“, wir haben sie „Substitute“ genannt. Diese 5 „Substitute“ (für die 5 Möbelstücke in Freud’s Dining Room) zeigen jeweils nicht die ganzen abwesenden Möbelstücke, sondern nur Teile davon. Jede „Wiener“ Möbelstation zeigt ein bestimmendes Merkmal des Originals in London, z.B. ein Truhenteil mit einer aussagekräftigen Malerei oder den Kastenfries mit dem Namenszug der früheren Eigentümerin. Ausgehend von diesem, das Möbelstück charakterisierenden Element, wird bei jeder Ausstellungsstation eine spezifische, inhaltlich passende Geschichte erzählt. So wird z.B. beim Kasten mit dem Namenszug die Geschichte der früheren Eigentümerin erzählt, soweit sie sich nachzeichnen lässt, um dann überzuleiten auf die letzte Eigentümerin des Kastens: Anna Freud.

Du arbeitest in der Ausstellung mit "memory objects" - kannst Du deren Funktion näher erläutern?

Die „Substitute“ habe ich auch „memory objects“ genannt, in ihrer materiellen Präsenz sollen sie an die Geschichte und an die individuellen Erfahrungen Anna Freuds im Kontext des Nationalsozialismus erinnern. Sie sind zusammengesetzt aus Weichholz (das typisch ist für Möbel ländlich-alpiner Herkunft) und Fotografie. In London wurden die Originale vom Gestalter der Ausstellung Alex Kubik mit einer Digitalkamera fotografiert; in Wien wurden am Bildschirm die entsprechenden Ausschnitte gewählt und im UV-Printverfahren auf die Holzteile gedruckt. Digitale Fotografie eröffnet uns beinahe unendliche Speichermöglichkeiten. Wichtig ist aber gerade für ein Museum, Informationen nicht nur zu speichern, sondern sie auch zu aktivieren. Durch das Ausschnitthafte (oder Lückenhafte), auch Artifizielle der Substitute/„memory objects“ will die Ausstellung Erinnerung nicht festschreiben, sondern beweglich halten, die Erinnerung an die Gegenwart heranführen. Ein solches „memory object“ ist auch die Soundcollage aus dem Freud Museum mit der Aufnahme der Pendeluhr aus Freud’s Dining Room. Auch diese konnte 1938 mit in die erzwungene Emigration genommen werden, sie schlägt vermutlich seit damals im Dining Room in Maresfield Gardens. Für mich verbindet sie – wie auch die Möbelstücke - das historische Wien/Österreich mit dem historischen London und das aktuelle London mit dem aktuellen Wien. 


Inwiefern ermöglichen „memory objects“ bzw. Substitute, dass Erinnerung beweglich(er) bleibt? Wäre das mit Originalen nicht der Fall bzw. wo würdest Du hier Unterschiede sehen? Oder nochmals anders gefragt: welche konkreten „Gefahren“ wären in diesem spezifischen Kontext mit den Originalen verbunden?

Mit Originalen wird im Museum ein spezifischer Umgang gepflegt – sowohl von KuratorInnen, als auch von BesucherInnen. Auch Anna Freud’s Möbel hätten eine bestimmte Behandlung bedurft, wir hätten sie sichern müssen oder zumindest mit dem Hinweis „Bitte nicht berühren“ versehen müssen. Die Substitute hingegen können BesucherInnen angreifen (z.B. können Kastentüren geöffnet werden), dadurch werden die Möbel und ihre Geschichte nochmals auf einer anderen Ebene „begreifbarer“. Auch lenken die Substitute den Blick bewusst auf spezifische Informationen, z.B. auf die Dimensionen/Größe der Möbel, um damit eine spezifische, für das Verständnis der Möbel relevante Frage zu generieren. In diesem Fall: Weshalb wurden diese sperrigen, schweren und (aus der Sicht eines volkskundlichen Museums) gar nicht so außergewöhnlichen Stücke überhaupt mitgenommen in die Emigration? Was machte sie für Anna Freud und Dorothy Burlingham so bedeutsam?
Um neue Informationen zu gewinnen, so meine Herangehensweise, müssen mitunter bestehende Informationen weggelassen werden. Das Ausschnitthafte der Substitute soll auch auf das Lückenhafte der Erzählung bzw. der Erinnerung verweisen. Schließlich sind die Substitute aktuell hergestellte Objekte, sie holen somit die Geschichte auch in ihrer Materialität in die Gegenwart. Dieser Aspekt erscheint mir in Bezug auf Gedächtnis und Erinnerung im Museum wichtig: nicht nur speichern, sondern auch erneuern.



Samstag, 9. April 2016

FOTOSACHE NR. 65: Gabriele Possanner



Archiv Susanne Breuss



Heute in meiner Fotoglosse im Extra der Wiener Zeitung: Ein Cover der lllustrirten Zeitung aus dem Jahr 1898, auf dem eine Auswahl der damals praktizierenden Ärztinnen abgebildet ist. Darunter befindet sich auch ein Foto von Gabriele Possanner von Ehrental, der ersten in Österreich promovierten Ärztin (oberste Reihe, zweites Foto von links). 




Mittwoch, 23. März 2016

TERMINSACHE NR. 109: Alltag sammeln (CFP)



Call for papers:

Alltag sammeln. Perspektiven und Potentiale volkskundlicher Sammlungsbestände
Tagung der volkskundlichen Landesstellen der dgv
Termin: 13. - 14. Oktober 2016
Ort: LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn

Ankündigungstext:

Wie sammelt man Alltag? Nicht erst aktuelle Ausstellungskonzepte zur
Repräsentation gegenwärtiger Alltagskultur im Museum stellen
Kulturwissenschaftler vor die Herausforderung der einleitenden Frage.
Materialien jeglicher Art zu unterschiedlichsten Themen historischer wie
rezenter Alltagskultur lagern in Museen, Universitäten, bei privaten
Sammlern und in den so genannten volkskundlichen Landesstellen. Obwohl
im Arbeitsalltag die intensive Auseinandersetzung mit diesen Sammlungen
oft zu kurz kommt, ist das Bewusstsein in den Einrichtungen, hier
„Schätze der Alltagskultur" zu bewahren, groß. Diese Schätze sind
heterogen und oft wenig erschlossen. Für die volkskundlichen
Landesstellen sind es vor allem Fotografien, Umfragematerial zu
Bräuchen und Festen, Archivkästen gefüllt mit Liedern und Geschichten
sowie Tagebücher und Briefe, die Ausschnitte des Lebens einzelner
Personen aufzeigen. Museen bewahren in ihren „volkskundlichen
Sammlungen" von regionaler Kleidung und Möbeln, Arbeitsgeräten bis hin
zu ganzen Werkstatteinrichtungen umfangreiches Material der Alltags- und
Popularkultur auf. Diese Bestände sollen auf ihr Potential zum
Verständnis historischer wie gegenwärtiger Alltagskulturen befragt und
untersucht werden. Dabei soll es um Aspekte des Sammelns ebenso gehen
wie um Fragen der musealen wie archivalischen Repräsentation sowie um
den Umgang mit heterogenen Sammlungsbeständen und ihre Sicherung.
Als Tagung der Gruppe der volkskundlichen Landesstellen in der Deutschen
Gesellschaft für Volkskunde (dgv) soll ein Schwerpunkt auf die hier
vorliegenden Sammlungen gesetzt werden, wobei ausdrücklich Projekte und
Überlegungen zur (disziplinären wie interdisziplinären) Vernetzung
der unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Forschungsinstitutionen
(Museen, Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen)
zur Präsentation und Diskussion eingeladen sind.

Erbeten werden Vortragsvorschläge zu folgenden möglichen Aspekten des
Themas:

ZUR ENTSTEHUNG EINER SAMMLUNG ZUR ALLTAGSKULTUR / SAMMLUNGSGENESEN
Akteure im Kontext des Sammelns (Sammler, Erben, Mitarbeiter),
Institutionen und ihre Sammlungsgeschichte(n) (bitte hier keine
deskriptive Institutionengeschichte)

ALLTAGS-SAMMLUNGEN
Was verstanden und verstehen Sammler und sammelnde Institutionen unter
Alltagskultur? welche Materialien und Immaterialien wurden wie und warum
aufbewahrt? Wie lässt sich der Paradigmenwechsel
volkskundlich-kulturanthropologisch/ethnologischer Forschung (von
„traditioneller Volks"- zur Alltagskultur) in Sammlungen
nachvollziehen? Mit welchen neuen Perspektiven lassen sich „alte"
Sammlungsbestände sinnvoll befragen und/oder vermitteln?

IMMATERIELLES UND MATERIELLES
Bräuche, Rituale, Wissensbestände, Glaubensvorstellungen - die
volkskundlichen Landesstellen haben in ihrer Geschichte einen
Schwerpunkt in die Dokumentation und Erforschung immaterieller
Kulturelemente gelegt; manchmal im Gegensatz und oftmals ergänzend zu
den Materialitäten der volkskundlichen Museen. Mit welchen Mitteln
wurde und wird das Immaterielle materialisiert? (hier ließe sich auch
über die Materialität von Archiven nachdenken, z. B. Zettelkästen,
Archivmappen etc.). Wie wurde und wird Materielles und Immaterielles
verbunden, welche Netzwerke gab und gibt es zwischen Museen und
außermusealen Sammlern und Sammlungen? Welche Perspektiven bieten sich
durch eine solche Vernetzung?

KULTURELLES ERBE: AUFBEWAHREN, WEITERGEBEN, ANALOG UND DIGITAL
Sammlungsbestände der Alltagskultur gehören zum kulturellen Erbe, zum
materiellen wie zum immateriellen. Wie können sich sammelnde und
forschende Institutionen wie die volkskundlichen Landesstellen in den
aktuellen Diskurs um das kulturelle Erbe einbringen, wie diesen Diskurs
als Perspektive nutzen, die eigene Sammlung „in Wert zu setzten"? In
diese Diskussion kann auch die Frage der Digitalisierung und
Online-Zugänglichkeit volkskundlicher Sammlungen gehören - welche
Konzepte und Netzwerke tragen aktuelle und in Planung befindliche
Digitalisierungsprojekte?

AUFRÄUMEN!?
Das Durchsehen von Sammlungen, ihre Reflexion und neue Perspektivierung
führt zu neuen Ordnungskategorien, zu Umstrukturierungen und
Priorisierungen. Dieser Prozess führt auch dazu, auszusortieren, zu
ent-sammeln. Wie gehen Einrichtungen mit heterogenen und oft zufällig
entstandenen Sammlungsbeständen mit dieser Aufgabe um, sich zu trennen,
traditionell „immer Dagewesenes" auszusondern und neue
Sammlungsschwerpunkte zu erschließen?

Wir bitten für die Ausgestaltung dieser Tagung um Zusendung von
Abstracts für Vorträge von 30 Min. Länge. Das Abstract sollte maximal
3.500 Zeichen umfassen sowie ein kurzes cv enthalten. Bitte senden Sie
das Abstract bis zum 30.03.2016 an: Dr. Katrin Bauer, katrin.bauer@lvr.de
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte
Es ist geplant, die Vorträge zu publizieren.