"Wir wurzeln alle im Alltage.
Seine Gewohnheiten machen für die
meisten schlechthin das Leben aus.
In diesem Alltag, den bloss der unbesonnene
Élegant des Geistes bespöttelt, liegt etwas
sehr Grosses ... liegt unsere Cultur."
Michael Haberlandt: Cultur im Alltag. Wien 1900.



Samstag, 30. März 2013

FOTOSACHE NR. 10: Der Osterhase beim Fotografen




© Archiv Susanne Breuss


Ein Bub namens Fritz, fotografiert vermutlich zu Beginn der 1930er Jahre. Anlass der Aufnahme: das Osterfest, wie der zweite Hauptdarsteller der Szene, ein Hase, sowie ein verziertes Osterei verraten. 

Hasen und Eier gelten heute als nahezu unvermeidbare Accessoires und wichtige Symbole für Ostern. Während österliches Eierbrauchtum bis ins frühe Christentum zurück reicht und religiöse Wurzeln aufzuweisen hat, trat der Osterhase als Eierbringer erst in der Zwischenkriegszeit allgemein in Erscheinung. Über seine Herkunft gibt es verschiedene Theorien, als die plausibelste gilt jene, die ihn als eine evangelische Erfindung sieht.
Obwohl die katholischen Eierbräuche seitens der evangelischen Christen immer wieder bespöttelt und kritisiert worden waren, konnten sie sich vor etwa 200 Jahren im evangelischen städtischen Bürgertum durchsetzen – als Teil einer säkularisierten und familiären Festinszenierung. Die bunt bemalten und verzierten Eier, die die Eltern für ihre Kinder versteckten und die diese suchen mussten, wurden offiziell vom Osterhasen gebracht. Ähnlich wie das Christkind oder der Weihnachtsmann wurde er als Geschenkbringer, der die Funktion der Eltern als Schenkende verdecken sollte, eingesetzt. Hasen als Schenkfiguren konnte man aber offensichtlich nur den der Natur entfremdeten Stadtkindern glaubhaft machen, im ländlich-bäuerlichen Bereich konnte der Brauch lange nicht Fuß fassen.  
Überkonfessionelle und allgemeine Verbreitung erlangte der Osterhase nicht zuletzt durch die Süßwarenindustrie und durch Kinderbücher und Postkarten. Auf diese Weise trug er wesentlich zur Entwicklung von Ostern als Schenk- und Konsumfest bei. 

Die vollständige Fassung dieses Textes erschien als:
Susanne Breuss: Inszenierung für Stadtkinder (= Fotoglosse schwarz & weiß). In: Wiener Zeitung Extra, 23./24. April 2011, S. 11.
 

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